Montag, 20. August 2007

Transalpine Run, Tag 4: Galtür - Scuol (42,195km, +1844hm/-2239hm )















4. September 2007

Liebe Leserinnen und Leser,

Von Elefanten, Steinböcken und über Training, das sich auszahlt


Es nahm mich ja wunder, wie ich heute aufstehen würde, nachdem ich gestern ziemlich gelitten hatte und nach dem Zieleinlauf wie Elefant herumgestampft war. Überaus erstaunlich stand ich auf und – spürte fast nichts. So konnte ich auch meine schwere Tasche von der Unterkunft zum Abtransportdienst tragen, was mir gestern nur schon in Gedanken daran Bauchweh bescherte. Am Frühstücksbuffet im Gemeindehaus von Galtür sah man dann aber das wahre Gesicht des Tages bzw. der Beine. Es gibt LäuferInnen, die laufen etwas steif, aber normal und es gibt andere, die ächzen nur schon, wenn sie vom Stuhl aufstehen müssen. Ihr Gang tut schon beim Zusehen weh. Keine Ahnung, wie sich solche Läufer auf die heutige Strecke begeben. Mir waren heute Beine gegeben, das war die reine Freude. Vielleicht war es die Engadiner Luft, die wir mit jedem Kilometer mehr riechen konnten, vielleicht waren es die Wetterbedingungen (mehr dazu später), vielleicht die gute Pasta von gestern Abend oder die 7 ½ Stunden qualitativ guten Schlaf wie zu Hause. Ich denke es hat aber auch mit dem Training zu tun, welches sich jetzt langsam auszuzahlen beginnt. Das Gewichtsrucksacktraining hat mir wirklich viel Kraft gegeben und das Bergauflaufen strengt mich nur wenig an. Kurt und ich haben ein Tempo, wie mit einer Zahnradbahn: gleichmässig, ruhig und ausdauernd. Mit Training und Tempoeinteilung war heute leistungsmässig einfach ein sehr guter Tag und so laufen Kurt und ich wie die Steinböcke. Eigentlich passend zum heutigen Ziel in Scuol.


Die Wetterbedingungen waren hart – aber für uns Steinwild wie zugeschnitten


Gestern Abend wurden wir schon vorgewarnt, dass das Wetter für heute extrem schlecht gemeldet war. Eisige Temperaturen, Schneefall und Wind würden die Organisation im Extremfall sogar veranlassen, die heutige Etappe abzusagen und uns mit Bussen nach Scuol zu transportieren und am späten Nachmittag den Bergsprint von morgen vorzuziehen. So waren Kurt und ich mehr als erfreut, als die Etappe doch durchgezogen wurde. Wir wurden strengstens informiert, dass die Laufteams aus Sicherheitsgründen unbedingt zusammen bleiben müssten, sonst würde man ohne Wenn und Aber disqualifiziert. Die Strecke wurde zwar um 5 km verkürzt, aber wie vorgesehen das Jamtal hinauf über den Futschölpass auf 2760 m.ü.M. ins Engadin. Schon am Start in Galtür hatte es unter dem Regen schon leichter Schneefall beigemischt. Nur ein paar hundert Höhenmeter hinauf begann es ziemlich zu schneien. Ich habe das persönlich sehr gerne zum Laufen. Die Steine auf dem Pass waren sehr rutschig und auf dem Passübergang hatte es 15cm Schnee. Dazu kamen heftige Windböen, wobei eine mich davon einmal fast umblies. Das Bergablaufen wurde heute zur halben Telemarkabfahrt. Kurt und ich fühlten uns in diesen Schneeverhältnissen extrem wohl (also eben doch so richtige Schweizer…). Auch der Matsch und Schlamm machte und Freude (also doch noch Kinder…), aber sicherlich im Wissen, dass wir heute Abend unsere Kleider bei mir zu Hause waschen können. So machten wir heute beim Bergauflaufen etliche Plätze gut und beim Bergablaufen verloren wir fast keine. Es war einfach schön. Trail Running von der besten Seite. Zum jauchzen – was wir auch taten…. Leid tun mir heute aber die Brasilianer, Südafrikaner und sonstige warm Wetter gewohnten Nationen. Die leiden wahrscheinlich heute wie ich bei 35°C und 90% Luftfeuchtigkeit.


Kurt – der Meister des fliegenden Wechsels


Kurt und ich entwickeln uns zu wirklichen Meistern im Wechsel unterwegs: Ob Trinkwasser, Früchtestengel, Stöcke oder den Rucksack, um die Jacke hinein zu stopfen– Kurt hat es griffbereit. Diese Materialübergaben passieren nicht im gemütlichen Schwatz beim Stehen, sondern im vollen Lauftempo. Geübt, gekonnt und jeden Tag ein wenig verfeinert. Da ist Kurt ein echter Juwel.


Ein warmer Empfang im heimischen Scuol und die Heimmassage


Es war natürlich besonders, nach Scuol ins Ziel zu rennen. Die Strecke weg von der letzten Verpflegungssation eine meiner Heimlauftrainigstrecken. Und da wir gut unterwegs waren, kann man so ein Heimspiel umso mehr geniessen. Schon unterwegs standen einige bekannte Gesichter am Strassenrand, was mich natürlich sehr freute. Besonders freute ich mich über Gianna Rauch (Gianna hat unser ganzes Management und Organisation unseres Teams betreut) und ihren beiden Töchtern am Strassenrand mit Plakat. Was für ein schöner Empfang! Auch viele Mitarbeiter von Scuol Tourismus waren da mitsamt Urs Wohler, dem Tourismusdirektor. Das Interesse an Transalpine Run und am Laufsport in Scuol freut mich wirklich sehr. Nach dem Rennen kam dann Nicole, die befreundete Physiotherapeutin, zu mir nach Hause, um mich zu massieren. Ein Heimservice der Sonderklasse sozusagen – haben wahrscheinlich nicht viele der Läufer heute…


Fazit des Tages


Kalt, windig, streng und einfach saumässig gut. So könnte man den heutigen Tag beschreiben. So richtig abenteuerlich und streng, aber voll intensiver Erlebnisse. Wer nun aber denkt, dass dies so weiter gehen wird, irrt: Sehr schnell kann sich das Blatt bei solchen langandauernden körperlichen Leistungen wenden und die Steinböcke haben wieder grosse Ohren und Füsse und lange Stosszähne… Heute sind Kurt und ich auf den 8. Rang gelaufen und haben uns auf den 15. Gesamtrang vorgeschoben. Ich bin aber vorsichtig und habe weiterhin viel Respekt vor dem, was noch kommen wird. Wir sind noch nicht in Latsch und bis dorthin ist es noch ein weiter Weg ins Ziel. Morgen wartet der Bergsprint auf uns – quasi noch ein Heimspiel auf die Skistation Motta Naluns. Da die Strecke nur 6km, aber mit 1000 Höhenmetern misst, ist hier Vorsicht geboten: Leicht überschätzt man sich und büsst die zu intensive Belastung in den nächsten Tagen dann ein. Kurt und ich verlassen unsere Strategie des „eigenen Rennens“ nicht und werden unser Tempo gehen.


PS: Dieser ausführliche Bericht kommt daher, dass ich nun bei uns zu Hause an den Computer kann. Ansonsten sind die Internetzugänge sehr schwer zu erkämpfen und die Zeit fehlt dann der Regeneration. Darum bitte ich Sie um Verständnis, wenn die Berichte weg von Scuol als Etappenort wieder kürzer werden…


Herzlichst,


Fränzi und Kurt


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