Mittwoch, 22. August 2007

Transalpine Run, Tag 6: Scuol - Mals (37km, +1332hm/-1474hm)

















Vorweg: Bitte für Etappe 7 und 8 rechts in der Spalte bei "Archiv" herunterscrollen und "August 7 bzw. 8" anklicken!!!!!!!

6. September 2007



Liebe Leserinnen und Leser,




Die grossen Felsen beginnen an zu bröckeln und das Ausscheidungsrennen beginnt…



Heute war ein Tag, der viel im Rennen verändert hat: Der Nordföhn blies mit aller Kraft und wir hatten Schneefall und bis zu 40cm Schnee in den Schneeverwehungen. Wo kein Schnee oder Eis war, lag Matsch oder Schlamm. Ich war erstaunt, als ich unterwegs einen Hünen von einem Athleten überhole (ich kann mich bei ihm in voller Grösse locker in den Windschatten stellen) und sehe, dass er den Tränen nahe ist. Schmerzen ziehen sich über sein Gesicht und sein Lauf ist alles andere als leicht. Es ist nun Tag 6, wo anscheinend auch Felsen zu bröckeln beginnen… Kurt und mir geht es gut und wir ziehen in unseren gewohnten Laufschritt. Unterwegs sehen wir einige Teams, die entkräftet oder verletzt aufgeben müssen. Am Ziel erfahren wir, dass sogar die Leader raus sind. Unglaublich, was heute abging.



Laufstile – die Unterschiede sind frappant



Für mich war die heutige Anfangsstrecke von Scuol nach Sur En entlang des Inns ein gefundenes Fressen: Ich hatte so richtig Zeit (da es ein breiter Forstweg war), die verschiedenen Laufstile zu studieren. Dies ist ja mein Beruf und so war ich da voll absorbiert. Da gibt es alles. Von federleicht bis tonnenschwer. Und es zeigt sich: Wer einen stilistisch guten Laufstil hat und dadurch ökonomisch laufen kann, hat riesen Vorteile: Ob Geschwindigkeit oder präventiv für die Gelenke: der Profit ist frappant. Für mich ist ja dieses Rennen wie ein Selbstversuch: ich bin sehr kritisch mit mir selbst, wie ich laufe und wie sich der Stil über die andauernde Belastung auswirkt. Bis heute Abend kann ich sagen: Mein Laufstil und meine Laufphilosophie, wie ich sie auch in meinen Kursen und Seminaren weitergebe, geht bis jetzt voll auf und ich wär nicht da, wo ich jetzt bin und vor allem nicht in der Verfassung. Das Experiment geht also weiter…



Die Natur gibt alles



Die wunderschöne Uina-Schlucht haut mich mit ihrer Schönheit fast jedes mal wieder aus den Socken. Heute war´s besonders bizarr, da Eiszapfen die ganze Bergwand des Felsenweges säumten. Oben auf dem Slingia-Pass, der offen und weit ist, prallte der Wind mit voller Wucht auf uns. Vielleicht hört sich das irgendwie nicht ganz normal an, aber das ist es genau, was ich so mag: Schnee, Wind, Berge und die Natur, die Vollgas gibt. Da fühle ich mich einfach mitten im Leben und möchte gerade mit niemand anderem tauschen. Wahrscheinlich auch ein Grund, wieso ich in die Berge gezogen bin – oder vielmehr zu den Bergen hin…
Ein Läufer wünscht mir unterwegs „ah, die Fränzi, noa haut´s rein…“ – tun Kurt und ich denn auch. Runter ging´s heute wiederum durch den Schnee und nachher über Alpwiesen und kleine Trails ins Vinschgau runter. Zwar 1500 Höhenmeter „to kill“, aber für meine Beine war das Bergablaufen heute ok. Sie werden eigentlich von Tag zu Tag besser. Dank der Massage von gestern, dank dem Training und v.a. dank der Selbsteinschätzung. Ich habe das ganze Rennen keine Pulsuhr an und heute habe ich nicht einmal auf meinen Höhenmeter geschaut: Wenn´s rauf geht, geht´s rauf – wenn´s runter geht, dann runter und wenn´s fertig ist, dann sind wir am Ziel…



„Oa zoachs Madele…“



Heute lief es einfach wieder. Manchmal geht es wie von selbst – ohne zu denken, ohne zu keuchen, ohne sich wirklich anzustrengen. Da sind wahrscheinlich auch die Endorphine ziemlich am Wirken, aber heute war´s einfach genial. Ich habe den Eindruck, dass es mir, je länger es geht und je härter die Bedingungen sind, es besser geht. Im Ziel sagt mir einer, ich sei „oa zoachs Madele…“. Weiss ich nicht. Vielleicht ein wenig, aber ich glaube zu merken, dass der Unterschied darin liegt, dass ich meinen Körper gut kenne, nur gerade soviel von ihm verlange wie nötig und extrem ökonomisch laufe - und das wichtigste: ich bin niemals böse mit dem Wind oder dem Schnee – ich versuch mich da reinzugeben und das hört sich jetzt vielleicht etwas esoterisch (wo immer da die Grenzen zur Realität sein mag) an, aber ich versuch ein Teil davon zu werden. Und somit nimmt mich der Wind mit und das Rennen durch den Schnee wird zum Vergnügen. Und dazu: Der Humor ist uns nicht verloren gegangen – im Gegenteil: Heute haben wir ziemlichen Blödsinn im Kopf und Kurt und ich schwingen das Tanzbein bei der ersten Verpflegung.



Gut verpflegt



Kurt war heute wieder einmal immer zur Stelle, wenn ich etwas brauchte. Und heute wusste ich, dass ich viel essen muss, wenn es kalt ist. Sowieso flattert schon langsam die Grösse XS an mir und dann haue ich bei der zweiten Verpflegungssation rein: Der Hüttenwart bringt und Rohschinken, ich trinke eine Bouillon gemischt mit Iso und esse gesalzene Nüsse und Weinbeeren. Man wird immer wieder gefragt, was man denn so isst unterwegs. Alle wollen das Geheimrezept. Ich kann Ihnen sagen: Ich esse total normal und v.a. qualitativ hochstehende natürliche Nahrung, bis auf vielleicht das Kohlenhydratgetränk. Ansonsten esse ich, was mein Körper verlangt. Auch hier ist das Körpergefühl wiederum entscheidend. Sonst ist mein Magen eine Schwachstelle von mir. Bis jetzt hatte ich aber keine Probleme (Holz anlangen!). Drei Geheimtipps, die ich preisgebe: Erstes Geheimrezept sind die „Bastuns“ vom Hotel Traube in Scuol: Selbstgemachte Nussstangen, die einem die Berge nur so hochtragen. Und einfach der Hammer gut. Zu kriegen sind sie nur in der Traube selbst. Nr. 2: Natur-Powersportriegel vom Meierbeck aus dem Münstertal. Gut, pur und voller Graubündner Energie.. Geheim-Rezeptnr. 3: Babybrei-Früchtehaferflocken-Gemisch aus dem Plastiksack und aus dem Schlafsack nach dem Rennen zu essen. Füllt die Speicher für den nächsten Tag.



Das Athletencamp



Nur kurz, wer sich schon gewundert hat, wo und wie Kurt und ich denn nächtigen: Wir sind im Athletencamp mit Isomatte und Schlafsack (Scuol war natürlich bei mir zu Hause eine Luxus-Ausnahme im eigenen Bett. Wunderschön, bei Mozart aufzuwachen und nicht mit 200 Handygepiepse mit den unmöglichsten Klingeltönen!...). Mittlerweile dezimiert sich ja die Anzahl der Läufer, aber es sind immer noch etwas 200 Personen, die heute z,B. in einer Tennishalle schlafen. Für mich ist das total ok. Ich kann da gut abschalten und die Käseglocke über mich ziehen, d.h. etwas mental von dem Gewimmel Abstand nehmen. Es ergeben sich viele interessante Gespräche, die man im Hotel nicht hätte. Und dann ist es einfach ein Gaudi, 200 Paar nasse Laufschuhe und noch einmal so viele Kleider überall aufgehängt zu sehen und die Läufer, die darin schlafen. Ein riesen Ghetto.



Fazit des Tages



Einfach wild und schön. Laufgenuss pur obwohl die Strecke nicht 37km, sondern fast wieder 40km war. Ohne grossen Probleme (bis auf einen Sturz von mir, der glimpflich ablief) sind wir in Mals angekommen. Der Körper ist ein kleines Wunder: er gewöhnt sich an solche Belastungen, wenn man ihn nicht überfordert. Irgendwie eine neue Dimension. Kurt und ich sind heute gut gelaufen. Wir sind, glaube ich, weit nach vorne gelaufen, aber ich habe noch keine Rangliste gesehen. Ist mir auch ein bisschen Wurst, denn ich will einfach heil ankommen. Was mich aber erstaunt und ehrlich fast ein bisschen erschreckt hat, ist, dass wir nach dem 12 Männerteam reingelaufen sind. Irgendwie irritierend. Morgen wird´s hart. Wie gesagt, ich vermute die Schlüsseletappe und es kann nochmals viel passieren. Kurt und ich müssen aufpassen. Ich habe grossen Respekt vor morgen.



Herzlichst,
Fränzi und Kurt


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