
7. September 2007
Liebe Leserinnen und Leser,
Nachtrag von gestern: Kurt und ich sind in der Etappe 6 in für mich fast unglaublichen 4 Std. 20 auf fast die Marathondistanz auf den 9. Rang gelaufen und haben uns im Gesamtklasssement auf ebenfalls Rang 9 geschoben. Was uns erstaunte: Wir nahmen dem führenden Damenteam 7 Minuten ab. Wie stark die Mixed-Kategorie besetzt ist, ist auch ersichtlich, dass wir mit dem 9. Rang bei den Mixed bei den Männer-Teams auf Rang 13 gelaufen wären...
Wenig Schlaf für den grossen Tag
Heute hatte ich schlecht geschlafen. Ich war einfach viel wach und hatte etwa nur 4 Stunden Schlaf. Vielleicht war es die Unruhe für heute, vielleicht auch der Judo-Keller, in welchem wir genächtigt hatten. Um 3 Uhr morgens wäre ich am liebsten schon los gelaufen. Aber ich war mir bewusst, wie wichtig die Ruhe ist und so rang ich mich bis 5.45 Uhr durch. Am Start bin ich immer noch müde und das bleibt auch für die ersten beiden Stunden so. Nachdem aber meine Lebensgeister erwacht sind, bin ich erstaunt, wie gut sich meine Beine anfühlen und ich laufe fast ohne Anstrengung. Es geht wie von alleine. Ein kleines Zwacken an der Achillessehen bewog mich dazu, diese zu tapen. Ich tat gut daran, wie sich später herausstellte.
Die Rappenscharte - fast wie eine Skitour
Heute stand die Rappenscharte an mit 3012 m.ü.M. - gestartet von 900 m.ü.M aus... Das Wetter meinte es heute äusserst gut mit uns und es war der Anfang eines prachtvollen Tages. Die ersten 15km waren so ein Rauf und Runter und viel davon an einem Schräghang. Die schon stark beanspruchten Waden und die Achillessehen litten noch mehr. Nach dem ersten Verpflegungsposten ging´s dann 1200 Höhenmeter bis zum Dach der Tour hinauf. Und hinauf heisst heute gerade hinauf: Durch Gestrüpp und Geröll - es gibt kein Pardon. Auf 1800m.ü.M. stapfen wir schon im Schnee. Drei Wände türmen sich vor uns auf, bevor wir die Rappenscharte erreichen. Ein herrlicher Moment. Ich hatte das Gefühl auf Skitouren zu sein. Kurt und ich machten Witze, ob wir den die taillierten Felle hervor nehmen sollten... Wir ging wiederum in unserem Tempo. Einigermassen gemächlich, aber stetig. Oben hatten wir 0 Grad, aber dafür nicht viel Wind. Ein Klaks zu den Verhältnissen der Vortage. Hinter der Scharte wusste ich, dass es übers Geröll wieder runter gehen würde, aber ich war erfreut: es hatte eine geschlossene Schneedecke und so konnte man im Telemarkschritt die ersten paar hundert Höhenmeter runtersausen. Ein riesen Gaudi.Der ganze Abstieg mass heute 2300 Höhenmeter. Einfach unglaublich und unglaublich gerade hinunter. Wieso denn auch ein paar Schlaufen machen, wenn man schnurstraks runter kann?...
Vierradantrieb und mit der "Energia Engaidina"
Wenn es steil bergauf und runter geht, nehme ich die Stöcke zur Hand. Die Engadiner Berge haben mir viel "Energia" gegeben, aber man kann den Trainingseffekt hier mit den Stöcken noch optimieren. Die meisten Läufer haben die ganze Strecke die Stöcke in der Hand. Kurt und ich binden aber diese bei eher flachen oder leichten Anstiegen auf den Rucksack. Erstens hat man beim Hinaufgehen mehr Kraft (als ehemalige Triathletin und vom Kajakfahren ist mir diese fast "von Hause aus" gegeben - wieso also nicht nutzen?) und beim Runterrennen kann ich die Schläge besser auffangen. Die Steingeissen gehen ja auch nicht nur auf ihren Hinterhufen....
Das tut weh....
Soviel Höhenmeter hinunter tun einfach weh. Auch mit Stöcken. Da ging´s gerade runter. Ein kleines flächeres Stück dazwischen und dann nochmals 1200 Höhenmeter hinunter. Heute schaue ich oft auf den Höhenmesser und zähle den noch zu verbleibenden Abstieg. Im Ziel plumpse ich in den vom Organisator hingestellten Liegestuhl und bin während einer halben Stunde wirklich nicht motiviert, irgend einen Schritt zu tun. Aber es geht uns gut.
Kommunikation - auch ein Schlüssel im Teamleben am Transalpine Run
Ein wichtiger Schlüssel, um ein funktionierendes Team zu haben, ist sicherlich die Kommunikation. Wenn mir etwas nicht passt (was selten vorgekommen ist), bleibe ich sachlich, aber bin ich fadengerade im Inhalt. Kurt geauso. Mir wird bewusst, wie unterschliedlich man mit einem Konflikt umgehen kann: Auf sachlicher Ebene gelöst, ist das Problem aus der Welt - und sollte es auch bleiben. Herumhirnen bringt nichts, sonst verschwendet man nur Energie und die brauchen wir am Transalpine Run definitiv für anderes. Kurt und ich machen das gut, finde ich.
... und doch ist eigentlich alles, was wir hier tun irrelevant
Als ich so ein bisschen am Selbstbedauern bin, dass mir die Achillessehen ein wenig weh tut, trifft es mich im Anstieg zur Rappenscharte wie ein Blitz. Ich denke an Corsin, einen jungen und talentierten Langlaufathleten aus dem Unterengadin (er ist in meiner Lauftrainingsgruppe) und schäme mich fast um meine Sörgelchen um die Achillessehne. Corsin ist im Frühjahr akute Leukämie diagnostiziert worden und er kämpft nun in ganz anderen Ligen. Und er tut dies mit einem wahsinns Willen und einer zu beneidenden Einstellung. Im Vergleich zu Corsin sind wir hier alles Amateure und es geht bei uns eigentlich um nichts. Alles scheint irrelevant zu dem, was Corsin für einen Weg geht. Auf dem Passübergang der Rappenscharte habe ich für Corsin einen Stein mitgenommen. Darin steckt die Wildheit und Schönheit von diesem Pass. Der Stein wird morgen den Weg nach Latsch mit mir angehen und dann den Weg zu Corsin finden.
Fazit des Tages
Steil war es heute wiederum an der Schlüsseletappe: hoch und runter. Extrem die Wetterbedingungen: Von Schnee und Temperaturen um den Nullpunkt nach Latsch runter mit 26 Grad. Irrsinnig. Aber irrsinnig schön. Die Schlüsseletappe ist geschafft und Kurt und ich laufen auf den 8. Rang und sind auch diesem Gesamtrang. Für morgen wird sich aber nichts ändern: Wir kümmern uns nicht gross, um was um uns geschieht: Wir gehen unseren Rhythmus. Und hoffentlich morgen damit bis nach Latsch.
Herzlichst,
Fränzi und Kurt
Sponsoren: Raiffeisen Engiadina, Scuol / Engadin Scuol Touristik AG / Outdoor Engadin, Laufschule Scuol / Salomon Sportbekleidung / Energia Engiadina Scuol / Meier-BECK Sta. Maria V.M. / Stickerei Sarsura Zernez /
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